Stockschnepfen

Gestern kam eine Freundin zu mir, um unser im Sommer geplantes Vorhaben abzusprechen. Wir wollen im Herbst morgens regelmäßig laufen. Mit Stöcken!

„Morgen, 7:30 Uhr?“, lautete ihre Frage.

Das ist ja mitten in der Nacht, dachte ich und sagte schnell zu, damit ich nicht erst darüber nachdenken musste. Wir trafen uns auf der Promenade und marschierten durch den Küstenwald Richtung Dietrichshagen. Der Himmel wurde heller, die Sonne liess ahnen, dass sie heute noch einen größeren Auftritt haben würde. Kein Wind! Unterwegs erinnerte ich mich, dass ich mich vor Jahren, als die Nordic-Bewegung aufkam, darüber lustig gemacht hatte. Für mich kam das nicht in Frage! Ich erinnerte mich ausserdem, dass ich darüber eine Geschichte geschrieben hatte.

Wollt ihr sie lesen?

“S t o c k s c h n e p f e n”

Das ganze Jahr über trifft man wiederholt auf Stockschnepfen. Die Stockschnepfe gehört zur Gattung der bunten Vögel und hält sich vorwiegend in der freien Natur auf. Die älteren Exemplare der Stockschnepfe sind das ganze Jahr als Paar oder aber in großen Gruppen unterwegs. Wenn sie in ihren Nestern hocken und beim Stöbern in Zeitschriften auf ein Wellneppurlaubsangebot stoßen, greifen sie gerne zu.. Anders die jüngeren Schnepfen, die das ganze Jahr und in ihrer unmittelbaren Umgebung aktiv sind. Sie wirken dem Schwerkraftproblem ihrer Körper entgegen. Mit mäßigem Erfolg. Die weiblichen Stockschnepfen treffen sich meist dann, wenn ihre Brut noch oder schon wieder schläft.

Sie schnattern kurz und laufen los. Die Gesichter sind verbissen, die Körper verhüllt. Voller Kraft holen sie mit den Stöcken aus, um Schritt für Schritt die vorgegebene Strecke zu absolvieren. Das Tempo ist am Anfang hoch. Eine aus der Gruppe ist immer die Oberschnepfe, die alles besser weiß und permanent trällert: „Ihr müsst die Füße richtig abrollen und die Stöcker enger am Körper halten!“. Die Gesichter werden verbissener, die Blicke sind nur noch auf den steinigen Weg gerichtet. Überholende Fußgänger gibt es nicht, lediglich Radfalken kommen an der Gruppe vorbei, nicht ohne mehrmals geklingelt zu haben. Der vorbeiziehende Geruch ist beißend und streng.

Manchmal hört man Gesprächsfetzen aus der Gruppe:

„Du…hhhh…hast du…hhhhh…schon …hhhhh…gesehen…beim…hhhh…Lidl…hhh ham se…hhhh…diese Stirnbänder…hhhhhh…“

„Ja…hhhhhh…hab ich…hhhhhhh…hab se für die…hhh…Swantje gekauft…hhhh!“

„Oje…hhh…das war…hhhh…ein Fehler…hhhhh. Die Cordula…hhhh…du weißt doch…hhhhh…die geschiedene Frau…hhhhhhhh…von Berni…hhhh…die hat die für ihre Nichte Isabella…hhhh…gekauft. Und…hh hh…stell dir vor…hhhh…sie waren schon beim Hautarzt!!…hhhhh…Zwei Prozent Polyester…hhhhh…drin!!!!“

„hhhh…ist das anstrengend…hhhhh…heute…Allergie…hhhh…die hat ’ne Allergie gekriegt…hhh…ich wußte es…hhhhh…immer dasselbe…hhhh…“

Der Weg wird bergiger und führt an Kleingärten vorbei.

Die Gruppe trifft auf Gartentrutschen, die im Frühjahr und Herbst sehr aktiv sind und mit dem Kopf in der Erde wühlen. Ab und zu richten sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf, stemmen einen Flügel in den Rücken und stöhnen. Diesen Moment nutzt die Oberstockschnepfe und zwitschert einen Gruß hinüber in die Kleingartenanlage. Die Trutschen tun so, als hätten sie den Gruß nicht gehört. Als die Gruppe außer Hörweite ist, pfeift die eine der anderen Trutsche über den Zaun hinweg zu:. „Die werden auch immer fetter!“. Klick- klick -klick stoßen die Stöcker auf den Boden. Die Schnepfen sind schon etwas müde. Einige murren, weil die Wegführung ohne eine vorherige Diskussion in der Schnepfengruppe geändert wurde. Der Weg windet sich in einer Kurve, tief unten leuchtet das Meer.

In der Ferne werden drei Gestalten sichtbar, die sich beim näheren Hinschauen als Joggingspechte entpuppen. Sturen Schrittes, die Köpfe hochrot und nach unten gerichtet, marschieren die Stockschnepfen. Sie nehmen die ganze Breite des Weges ein und auch als die Spechte nur noch zehn Meter entfernt sind, machen sie keinen Platz. Nur mit einem Sprung ins Gebüsch kann sich einer der Spechte vor einem ausholenden Stock retten. „Blöde Schnepfe!“, tönt es aus dem Gebüsch. Unbeirrt marschieren die Stockschnepfen weiter. Das Ziel ist in Sicht!

Angekommen und nach einem kurzen Snack bei einem Beifuß-Kümmel-Artischocken-Tee beschließen sie, den Angriff der Joggingspechte auf ihre Schnepfenpersönlichkeit erst in der nächsten Schnepfenzusammenkunft zu diskutieren. Sie sind zu flügellahm, als dass sie das jetzt noch schaffen würden.

Immer noch aktuell, diese kleine Geschichte! Wobei nunmehr die Generationen + und ++ in der Überzahl sind. Als wir am Startpunkt zurück waren, sehe ich auf dem Display: 7,9 km/423 kcal verbraucht!

Gut gemacht😉

2 Kommentare zu „Stockschnepfen

  1. Da muss ich schmunzeln. Neulich sah ich ein Foto, das dich mit 2 Stöcken zeigte. Mein erster Gedanke war: Oh, ist Jutta jetzt auch eine Stockschnepfe? Ich hatte nämlich deine Geschichte noch im Kopf. Und immer, wenn mir Wanderer mit Stöcken begegnen, denke ich: Stockschnepfen. Tja, so ändern sich die Zeiten…….

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    1. Tatsächlich!
      Ich bin unter die Stockschnepfen gegangen und finde es ganz gut. Laufen und spazieren gehören nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Mit den Stöcken funktioniert das eigenartigerweise ganz gut. Ich kann alleine laufen, weil ich ja sportlich unterwegs bin. Ansonsten spaziere ich nicht gern allein.
      Tja, die Zeiten ändern sich tatsächlich 🙂

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