Vernissage und Gespräch

Die neue Ausstellung „Werkschau“ in der Kunsthalle Rostock ist den Fotografen Ute und Werner Mahler gewidmet.

Schon eine Stunde vor Beginn der Vernissage habe ich mir einen Platz gesichert. Wider Erwarten darf die Ausstellung vorher nicht besichtigt werden. Nur die Kultur- Ministerin durfte vorher schauen, weil sie zum Theaterball Schwerin am gleichen Abend eingeladen ist. Entsprechend kurz und geistreich ist ihre Rede, nachdem Herr Neumann die Eröffnungsworte gesprochen hat. Auch er im dunklen Anzug, dunkles Hemd und rote Fliege. Nein, nein, beeilt er sich zu sagen, er gehe nicht auf den Ball.

Es sind viele Besucher gekommen, sehr viele sogar. Die Stimmung ist gut, es wird viel geklatscht, zwischendurch immer mal wieder laut gelacht, als Ingo Taubhorn, der Kurator aus Hamburg, in Form eines Briefes den Lebensweg der Beiden schildert. Die neugierige Spannung auf die Ausstellung ist spürbar.

Werner und Ute Mahler

Als ob die Redner das wissen, halten sie sich kurz in ihren Ausführungen, da es am nächsten Tag ein öffentliches Gespräch mit den Künstlern und Kuratoren geben wird. Wir dürfen nun in die Ausstellungsräume.

Serie „Kleinstadt“, das Geschenk der Mahlers an die Kunsthalle

Als ich in Berlin lebte und studierte, wohnte ich im 2.Hinterhof im Prenzlauer Berg. Im Vorderhaus wohnte ein Grafiker, der u.a. das Layout für die SYBILLE machte. Wir hatten uns angefreundet. Ich besuchte ihn ab und an und sah dort eines Tages Ute Mahler. Ich war blutjung, schüchtern, schaute nur, beteiligte mich nicht am Gespräch. An diese Begegnung muss ich während der Reden denken.

Die WERKSCHAU zeigt eindrucksvolle dokumentarische Serien wie beispielsweise „Berka«, »Abiturienten«, »Gefängnis Hoheneck«, »Zusammenleben«, »Erotikprogramm« und »Porträts«. Darüberhinaus sind Landschafts- und Modeaufnahmen zu sehen. Die Anordnung der Fotos, die die Künstler gemeinsam mit den Kuratoren vornahmen, ist fantastisch. Selten habe ich ein so schöne bildliche und textliche Darstellung der Biografie der Künstler gesehen.

Auf den gezeigten Fotos werden Situationen aus dem Alltag in schwarz-weiß dargestellt. Sie wirken nicht gestellt.

Gut gefiel mir die Serie »Abiturienten«.

1977 entstanden die ersten Fotos für die Serie „Abiturienten“von Werner Mahler. Alle 5-7 Jahre fotografierte er sie erneut in ihrer heimischen Umgebung, so, als wollte er die Zeit visualisieren.

Ich stehe in Gedanken versunken davor, als eine Frau mit einem Kameramann im Schlepptau auf mich zukommt.

„Sie schauen so versunken auf die Bilder, was empfinden Sie beim Betrachten?«, höre ich sie fragen. Ich erschrecke, als ich sehe, wie sich die Kamera auf mich richtet. Oje, was empfinde ich?

»Ich musste gerade daran denken, dass in diesem Jahr mein Abitur 50 Jahre zurückliegt. Wir würden auch alle so aussehen, hätte man uns fotografiert. Daran denke ich gerade.«, stottere ich etwas. „Wie gefällt Ihnen die Ausstellung?«, fragt sie weiter. Ich bin nun richtig aufgeregt und weiß gar nicht moehr, was ich sage. Auf jeden Fall, dass ich beeindruckt bin, wie sie die alltäglichen Situationen eingefangen haben besonders die Serie im Gefängnis.

Serie „Gefängnis“

Am nächsten Tag findet um 14 Uhr das Künstlergespräch statt, moderiert von den Kuratoren der Deichtorhallen Hamburg, Brigitte Woischnik und Ingo Taubhorn.

Wie schon so oft funktionieren die Mikrofone nicht. Zu Anfang wird darüber gelacht, später das Gesicht verzogen. Gleich zu Anfang schlägt Herr Taubhorn vor, dass er Zettel rumreichen wird, auf denen jeder Fragen notieren kann, die er dann vorliest.

Was fragt man da? Fragt man überhaupt? Ja, Frau W. schreibt eine Frage auf: Sie sind beide ein Leben lang zusammen. Gab es Zeiten in Ihrer Beziehung, wo sie in Ihrem Denken/Handeln -privat oder beruflich- gar nicht mehr übereinstimmten und es zu einer Sprachlosigkeit zwischen Ihnen kam? (Ich wollte nur wissen, ob sie ständig das »Doppelpack« geben.)

Im Gespräch erfahren wir ihren Werdegang, wer und was sie geprägt hat. Seit vielen Jahrzehnten sind sie ein Paar, zwei herausragende Fotografen, die zu DDR-Zeiten zu den stilprägenden Fotografen des Ostens zählten und immer eine humanistische Sicht auf die Welt hatten, die sie bis heute in ihren Fotoprojekten realisieren. Beide arbeiten u.a. als freiberufliche Fotografen für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften (FÜR DICH, SYBILLE, nach der Wende auch STERN).

Sie erzählen über ihren Alltag in der DDR, wie leicht oder schwer es war, einen Studienplatz zu bekommen und darüber, dass das Leben mit Kind, Mann im Studium, sie schon mit Aufträgen, relativ leicht bewältigt wurde. Auf familiäre Hilfe konnte zurückgegriffen werden.

Ute Mahler

Als Gewinnerin des Fotowettbewerbs der PHOTOKINA bekam Ute Mahler 1979 einen Gutschein für eine Flugreise ihrer Wahl. Sie wählte ihren Sehnsuchtsort Paris und bereitete damit der Staatsmacht ein Problem. Ein Freund empfahl ihr, die neun Tage in Paris zu genießen und den Fotoapparat zu Hause zu lassen, da es unzählige Fotos von Paris gibt. Sie aber wollte für ihren Mann fotografieren, um ihm zu zeigen, wie schön die Stadt ist, die sie gar nicht so schön fand. Sie empfand sie langweilig. Dadurch verfiel sie nicht der westlichen Kultur-Schickeria und erarbeitet sich ihren eigenen fotografischen Stil. Nach der Wende gründeten sie zusammen die Fotoagentur Ostkreuz. Wir erfahren ihre Motivation für die Serien und auch, dass die Ideen dafür ’aus dem Alltag zu ihnen’ kommen. Insgesamt ein sehr interessantes Gespräch mit viel persönlichen Informationen.

Zum Abschluss wurden die aufgeschriebenen Fragen beantwortet. Ich gestehe, dass ich meine Frage fast zurückgenommen hätte, wäre eine Möglichkeit gewesen. Die Beiden erscheinen mir perfekt. Dann die Überraschung! Herr Laubhorn hat sich meine Frage zum Schluss aufgehoben und meint, dass er genau solche Fragen mag. Er fragt in das Publikum, wer denn diese Frage gestellt habe. Ich bin feige und melde mich nicht. Beide sind etwas überrascht über diese persönliche Frage, sagen dann aber, dass es natürlich auch in ihrer Beziehung „kracht“ und dass jeder seine Freiräume braucht. Und auch einfordert.

Bitte, genau das wollte ich wissen.

j01w20