Herbst

Warnemünde hat mich wieder.

China taucht in Träumen auf, die sich beim Aufwachen schnell verflüchtigen.

Als erstes nehme ich meine morgendlichen Stock-‚Gänge‘ wieder auf. Ich mag den Herbst, mag diese in sich übergehenden Farben Orange, Braun und Gelb. Ab und an blitzt eine rote Hagebutte durch das Blattwerk oder das Gras ist ganz grün. Ein sehr schönes Farbspiel! Der Herbst bringt Ruhe. Das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich zuhause bleibe, verblasst.

Der Strand ist inzwischen leer, vereinzelte Spaziergänger, Leute mit Hunden oder Nordic-Stöcken sind unterwegs. Wir sind also unter uns.

Am Strand wird der Sand neu verteilt. Der, der an der Mole angespült wurde, wird Richtung Wilhelmshöhe gefahren. Warum jetzt schon? Stehen die Herbststürme nicht noch aus?

Lange Zeit war ich allein unterwegs. Ich es mag, wenn das Meer rauscht, der Wind in den Bäumen bläst, Grussworte mit Fremden gewechselt werden. Durch einen Zufall kam ich auf die Idee, dass es in Gesellschaft auch schön sein könnte.

Gedacht, getan.

Am liebsten habe ich männliche Begleiter, denen ich zuhöre, die keine Antwort erwarten.

Meine Begleiter wechseln, haben tiefe, sonore Stimmen, manchmal sind sie laut und aufdringlich. Mein Keuchen vom schnellen Gehen lässt aber alles gut klingen. Ich bemerke gerade beim Schreiben, dass ich eher selten mit Frauen unterwegs bin. Woran liegt das? Keine Ahnung! Frauenfeindlich bin ich nicht.

Einen mag ich besonders gern, den Peter. Wenn er von einer frühen Begegnung erzählt, dann löst das auch in mir eine Erinnerung aus und ich fühle mich in meine Jugend und nach Riesa zurückversetzt. Die elfte Klasse lag hinter, das letzte Schuljahr vor mir und es war Sommer. Ich spürte damals den warmen Regen auf der Haut, der mit dem Gewitter kam, als ich über den Leninplatz rannte. Ich riss die Arme vor Übermut hoch, lachte unbändig und freute mich über den Peter M. und sein Lied.

„Duuuu, duuuu bist alles, was ich habe …“, schallte es aus den Lautsprechern und ich sang laut mit.

Natürlich habt ihr es längst erraten, wer meine morgendlichen Begleiter sind.

Wen oder was HÖRT ihr denn, wenn ihr unterwegs seid? Bestimmte Gruppen? Mehr Sängerinnen als Sänger oder umgekehrt? Radio? Hörspiele?

Ich bin gespannt auf eure Antworten.

Reise nach China

China…

Ich bin zurück und stelle fest, dass es mir extrem schwerfällt, meine Eindrücke und Erlebnisse in Worte zu fassen. Sie waren überwältigend. Was hatte ich erwartet?

Nun, auf jeden Fall nicht diese Ausmaße der Städte, die Freundlichkeit der Leute, den Standard der Hotels, die extreme Vielfalt der Landschaft.

Eine Reise durch China ist – trotz eines starken Trends zum westlichen Lebensstil – eine Reise in eine völlig andere Kultur. Hat man mitten in der Einkaufsstraße Nanjing Road in Shanghai das Gefühl in einer Weltstadt zu sein, so kann dieser Eindruck in der nächsten Seitengasse sofort wieder schwinden. Ganz zu schweigen von anderen Städten in China. Viele Millionenstädte sind modern und auf den zweiten Blick doch weniger fortschrittlich. Aber ist es nicht genau das, was wir auf einer China-Reise suchen? Das Andere, das Besondere und auch das Fremde?

Zwei Sachen waren für mich mit am beeindruckensten, einmal die vielen Wohnhochhäuser und dann die Hallen der Harmonie.

Wir besuchten Städte mit Einwohnern in zweistelliger Millionenhöhe. Eine Stadt, Chongqing, ist flächenmässig so gross wie Österreich mit 30 Mio Einwohnern! Um diesen Menschen allen Wohnraum zu geben, muss man auf Wohnhochhäuser zurückgreifen, die teilweise 40-50 Stockwerke haben. Früher kam auf eine Person 4-6 m2 Wohnfläche, heute sind es 14m2. Gern hätte ich eine Wohnung von innen gesehen.

Der wichtigste Ort, den wir in China aufsuchten, war die „Halle der Harmonie“. Nach jedem Besuch dort fühlte ich mich erleichtert, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Chinesen sagen nicht einfach Toilette oder Klo, sondern sie besuchen die ‚Halle der Harmonie‘, weil Konfuzius sagte, dass der Körper im Gleichgewicht sein sollte. Der Besuch führt zu einem Wohlbehagen, der Körper ist wieder in Harmonie. Der Besuch ist immer kostenlos, wenn auch die Toiletten oftmals einfach sind und man gute Beinmuskeln haben muss, um sich hinzuhocken. Es gibt inzwischen aber immer mehr Sitztoiletten. Für mich war das kein Problem.

Das Essen enthält viel frisches Gemüse (köstliche Aubergine!), Fleisch, Nudeln, Reis, eine Art Knödel und regionale Spezialitäten mit vielen Möglichkeiten der Zubereitung und Würzung.

Generell kann man sagen: Reis wird in China vor allem in der Südhälfte gegessen, im Norden sind Nudeln wichtig. Zum Essen wird kostenlos Tee serviert. Besteck kann bestellt werden.

Bier zählt in China eher zu „Softdrinks“ -Alkoholgehalt 2,3%- als zu Alkohol und wird häufig aus Wassergläsern getrunken.

Wenn wir als Gruppe an zwei runden Tischen Platz genommen hatten, ertönten regelmäßig Stimmen:

„Ich möchte Cola Zero! Gibt es nicht? Wieso nicht?“, oder

„Ist da Koriander drin? Ich habe eine Koriander-Allergie!“, oder

„Ist das Essen scharf? Wir essen Zuhause immer(!) scharf, aber nicht so scharf wie hier!“

„Wo, bitte, ist der nächste McDonald?“, hätte ich dann am liebsten gerufen und den Nicht-Gourmets die Tür geöffnet.

Mir schmeckte es immer. Einigen anderen auch. Die Schärfe trieb uns manchmal Tränen in die Augen, die einfach weggelacht und -getrunken wurden. Was soll’s! Wir waren im Ausland, andere Länder – andere Gewürze. Das ist für mich mit das spannendste auf Reisen, neue Lebensmittel und deren Zubereitung zu probieren. Von unserem Reiseleiter Bin kam aber der vorsichtige Hinweis, aufzupassen, wenn etwas mit Leitungswasser gewaschen wurde. Ein krankes Gruppenmitglied ist kein gutes Mitglied!

Reisesplitter (1)

Mit zwei Stunden Verspätung landeten wir in Peking, fanden und beäugten uns als Gruppe, machten die Bekanntschaft des Mannes, der uns drei Wochen begleiten wird.

Ein kleiner Chinese mit Namen Bin.

Im Laufe der Reise sprachen wir über die Körpergrösse und Bin erzählte uns, dass es 1960 ein Hungersnot gab und alle die, die damals geboren wurden, blieben bei etwa 1,60 m stehen. Dabei lachte er. Wahr oder nicht wahr?

Bin verstand auf jeden Fall Spass und auch in der Gruppe gab es einige Spaßvögel, sodass wir viel gelacht haben. Ein ständiger Begleiter war ‚KUnfuzius‘, der uns die verschiedensten Hinweise und Erklärungen gab, wie zB:

Wenn es draussen regnet und du bist drin, wirst du nicht nass. Kam unheimlich gut an, als wir mehrere Tage Regen hatten.

In den drei Tagen in Peking besuchten wir den Himmelstempel, den Platz des Himmlischen Friedens, den Sommerpalast und die Grosse Mauer. Mit uns waren immer tausende Leute, hauptsächlich Chinesen, unterwegs.

Wir wurden bei den Besichtigungen oft von chinesischen Touristen um ein gemeinsames Foto gebeten. Meistens bemerkte man schon vorher verstohlene Blicke, inklusive nervösem Gekicher. Ich fand es amüsant und habe gerne mitgemacht, wenn ich gefragt wurde. Beliebter waren natürlich helle, möglichst langhaarige Personen.

„Zieht euch warm an, auf der Mauer ist es kalt“,

hörten wir Bin sagen und er hatte Recht. Auf der Grossen Mauer pfiff ein kalter Wind, als wir den Aufstieg begannen. Zu der Mauer kann ich nur sagen:Grosse Mauer gleich grosses Erlebnis!

Peking selber begeisterte mich nicht so sehr, kam mir wie eine Beamtenstadt vor. Das ursprüngliche China vermisste ich in dem Meer der Hochhäuser. Wir besuchten aber am späten Nachmittag einen Stadtteil, der ahnen liess, wie es früher hier aussah. Mit einer Rikscha fuhren wir durch einige Strassen. Die armen Rikscha-Fahrer! Da mussten sie die grossen, schweren Deutschen mittels Beinkraft voranbringen. Trotzdem es in China nicht üblich ist, Trinkgelder zu geben, griffen alle in ihre Taschen und holten Yuans heraus.

(2)

Um 4:45 Uhr klingelte der Wecker, fassen eines kleinen „Fresspakets“ und dann Zugfahrt nach Xin’an. Was für eine Fahrt! 1200 km in fünf Stunden! Ach, gäbe es doch auch bei uns diesen Zug.

Eine faszinierende Stadt erwartete uns und endlich hatte ich das Gefühl, das echte China zu sehen. Gewusel auf den Strassen mit Strassenhändlern, rote Laternen und Lampions an den Häusern, schöne Stadtmauer, diese Stadt wusste zu begeistern. Etwas Besonderes war eine nächtliche Fahrt durch das Lichtermeer der Stadt und das Wasserspiel an der grossen Wildganspagode.

Dann ein weiteres Highlight der Reise: Besichtigung der Terrakotta-Armee – einfach nur beeindruckend!

(3)

Eine weitere Bahnfahrt brachte uns zum Jangtse, dem längsten Fluss Chinas. Drei Tage fuhren wir flussaufwärts, besichtigten den Drei-Schluchtenstaudamm, fuhren mit Booten auf einem Seitenarm des Jangtse und bestaunten die Landschaft. Vorzügliches Essen, kühles Bier und das Kulturprogramm der Crew erfreuten uns.

Schliesslich erreichten wir die grösste Stadt Chinas:Chongqing mit 32 Mio Einwohnern!

Wir fuhren durch die Stadt an mehrstöckigen Strassenkreuzungen und unzähligen Hochhäusern vorbei, bis wir den Zoo erreichten und ein weiteren Höhepunkt bestaunten: einen fressenden Panda! Sie ernähren sich von Bambus, erhalten eine Zufütterung, was den Cholesterinspiegel erhöht. Gut oder nicht gut?

Hier herrscht subtropisches Klima, wenig Sonne.

„Sonne ist für die Hunde“, meinte Bin, weil wenig Sonne scheint und es wenig Hunde gibt.

Apropos Hunde und der ständigen Frage, ja, man isst Hunde, aber nur im Süden von China.

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Fahrt geht weiter zum Flughafen und Flug nach Guilin. Auf den Flughäfen und Bahnhöfen erfolgt Kontrolle des Gepäckes, auch Handgepäck.

Nun begann unsere feuchte Zeit, der Regen kam und blieb.

Die Unterkunft in Karstgebirge hatte Flair, sechs Stockwerke und die zu Fuss- 118 Stufen!

Sehr schade, dass wir die Kegelberge nur im Nebel und Regen sahen.

Unser Kunfuzius sagte: Wenn es regnet, wirst du nass. Wie Recht er wieder hatte.

Die Flossfahrt am nächsten Morgen fand bei Regen statt. Wie Zuckerhüte ragten die Berge oder Kegel in die Höhe. Es sah irgendwie mystisch und sehr schön aus.

Der Regen blieb uns auch auf dem Weg zu den Reisterrassen treu. Mit dem Bus fuhren wir an den Ausgangspunkt für den Aufstieg zu den Terrassen. Der Busfahrer fuhr nach dem Motto: Nur Fliegen ist schöner! Selbst die Hartgesottenen unter uns schnallten sich nach Blick in die Schluchten an. Angekommen hieß es nur: Schirm auf oder Cape an!

Oben angekommen, herrschte dichter Nebel und es blieb nur ein „gemütliches“ Beisammensein nach einem vorzüglichen Abendessen in der Herberge.

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Zurück nach Guilin und Flug nach Hangzhou, einer grünen Stadt mit vielen Parks und Gärten. Sie gehört zu den sechs Kaiserstädten Chinas. Hangzhou zählt zu den Städten mit hoher Lebensqualität, auch deshalb, weil es hier nicht soviele Hochhäuser gibt. Es gibt viele Plätze, wo man sich trifft, redet oder tanzt. Wir besuchten den Westsee, ein beliebtes Ausflugsziel und im Anschluss eine Teeplantage. Zwei Stunden Freizeit nutzten wir zum Bummeln und Einkaufen, um dann

zur Besichtigung des Wasserdorfes weiterzufahren. Der Regen war nach kurzer Pause zurück. Angekommen, waren wir unter uns. Ausser Hunderten Chinesen war keiner an diesem idyllischen Ort. Ich fühlte mich etwas an Venedig erinnert. Am Abend erschienen die Häuser bizarr im Licht, die alle angeleuchtet wurden. Eine schöne Stimmung kam auf.

Am Morgen frühstückten wir direkt am Fluss, sehr idyllisch.

(7)

Shanghai…

Auf dem Weg dahin machten wir Station in einer Seidenweberei und in einem Restaurant zum Mittagessen. Während des Essens fiel das Licht aus und es wurde dunkel, was zu Lachanfällen führte.

Wir erreichten Shanghai und ich war fasziniert von dem Ausmass der Stadt. Ewig lange fuhren wir an Hochhäusern vorbei, befuhren riesige Strassenkreuzungen, durchquerten mehrere Tunnel und sahen immer Mal wieder den Shanghai-Tower und andere Hochhäuser.

Unser Zimmer für die letzten drei Tage lang im 19. Stockwerk und wir hatten sehr schönen Blick über die Stadt. Am Abend gab es eine Lichterfahrt durch die Stadt, ein unglaubliches Erlebnis. Wir erkundeten die Stadt am nächsten Tag mit der Metro, besuchten Märkte, eine Pagode und liessen uns treiben. Auch den letzten Tag verbrachten wir so, diesmal allerdings ohne „Aufsicht“ von Bin.

Danke an Peter und Petra- war ein klasse Tag mit euch!

Zurück nach Deutschland in zwölf Stunden und die Reise ist Vergangenheit. Was bleibt, sind viele Eindrücke von China, sehr schöne Momente mit der Gruppe und die hervorragende Betreuung durch Bin.

11j18w

China

Reisvorbereitung

Unterwegs- ich mag dieses Gefühl. Es suggeriert Erlebnisse, Begegnungen, Gespräche. Vieles wird nie eintreten und ist nur in der Fantasie präsent. Aber- es könnte ja passieren. Als Kind stand ich stundenlang an den Eisenbahngleisen, magisch gefesselt von den glänzenden Schienensträngen und der Vorstellung, wohin sie führten. Kam ein Schnellzug vorbei, winkte ich und es winkte meist jemand zurück. Ich stellte mir vor, dass der Zug anhielt, jemand ausstieg und mich mitnahm. Und ein weiteres Traumfeld tat sich auf. Wohin würde ich kommen? Was würde ich erleben? Ich wollte immer weit weg.

Dieses Fernweh habe ich immer noch, aber der Unterschied zu früher ist, dass ich gerne zurückkomme an meinen Heimatort. Reisen fasziniert ungemein und es macht mich demütig und auch dankbar für das Leben, das ich führen kann. Natürlich habe ich etwas dafür getan, aber habe auch Glück, z.B., in Europa geboren worden zu sein.

Eine Form des Reisens ist die Gruppenreise, nicht meine Lieblingsform, aber um so ein großes Land wie China kennenzulernen, bleibt erst einmal diese Form. In zwei Tagen geht es los, Koffer ist vorsortiert, Reiseführer grob gelesen.

Das wird unsere Reiseroute sein:Ich bin gespannt und voller Erwartungen, von mir aus kann es sofort losgehen.

Stockschnepfen

Gestern kam eine Freundin zu mir, um unser im Sommer geplantes Vorhaben abzusprechen. Wir wollen im Herbst morgens regelmäßig laufen. Mit Stöcken!

„Morgen, 7:30 Uhr?“, lautete ihre Frage.

Das ist ja mitten in der Nacht, dachte ich und sagte schnell zu, damit ich nicht erst darüber nachdenken musste. Wir trafen uns auf der Promenade und marschierten durch den Küstenwald Richtung Dietrichshagen. Der Himmel wurde heller, die Sonne liess ahnen, dass sie heute noch einen größeren Auftritt haben würde. Kein Wind! Unterwegs erinnerte ich mich, dass ich mich vor Jahren, als die Nordic-Bewegung aufkam, darüber lustig gemacht hatte. Für mich kam das nicht in Frage! Ich erinnerte mich ausserdem, dass ich darüber eine Geschichte geschrieben hatte.

Wollt ihr sie lesen?

“S t o c k s c h n e p f e n”

Das ganze Jahr über trifft man wiederholt auf Stockschnepfen. Die Stockschnepfe gehört zur Gattung der bunten Vögel und hält sich vorwiegend in der freien Natur auf. Die älteren Exemplare der Stockschnepfe sind das ganze Jahr als Paar oder aber in großen Gruppen unterwegs. Wenn sie in ihren Nestern hocken und beim Stöbern in Zeitschriften auf ein Wellneppurlaubsangebot stoßen, greifen sie gerne zu.. Anders die jüngeren Schnepfen, die das ganze Jahr und in ihrer unmittelbaren Umgebung aktiv sind. Sie wirken dem Schwerkraftproblem ihrer Körper entgegen. Mit mäßigem Erfolg. Die weiblichen Stockschnepfen treffen sich meist dann, wenn ihre Brut noch oder schon wieder schläft.

Sie schnattern kurz und laufen los. Die Gesichter sind verbissen, die Körper verhüllt. Voller Kraft holen sie mit den Stöcken aus, um Schritt für Schritt die vorgegebene Strecke zu absolvieren. Das Tempo ist am Anfang hoch. Eine aus der Gruppe ist immer die Oberschnepfe, die alles besser weiß und permanent trällert: „Ihr müsst die Füße richtig abrollen und die Stöcker enger am Körper halten!“. Die Gesichter werden verbissener, die Blicke sind nur noch auf den steinigen Weg gerichtet. Überholende Fußgänger gibt es nicht, lediglich Radfalken kommen an der Gruppe vorbei, nicht ohne mehrmals geklingelt zu haben. Der vorbeiziehende Geruch ist beißend und streng.

Manchmal hört man Gesprächsfetzen aus der Gruppe:

„Du…hhhh…hast du…hhhhh…schon …hhhhh…gesehen…beim…hhhh…Lidl…hhh ham se…hhhh…diese Stirnbänder…hhhhhh…“

„Ja…hhhhhh…hab ich…hhhhhhh…hab se für die…hhh…Swantje gekauft…hhhh!“

„Oje…hhh…das war…hhhh…ein Fehler…hhhhh. Die Cordula…hhhh…du weißt doch…hhhhh…die geschiedene Frau…hhhhhhhh…von Berni…hhhh…die hat die für ihre Nichte Isabella…hhhh…gekauft. Und…hh hh…stell dir vor…hhhh…sie waren schon beim Hautarzt!!…hhhhh…Zwei Prozent Polyester…hhhhh…drin!!!!“

„hhhh…ist das anstrengend…hhhhh…heute…Allergie…hhhh…die hat ’ne Allergie gekriegt…hhh…ich wußte es…hhhhh…immer dasselbe…hhhh…“

Der Weg wird bergiger und führt an Kleingärten vorbei.

Die Gruppe trifft auf Gartentrutschen, die im Frühjahr und Herbst sehr aktiv sind und mit dem Kopf in der Erde wühlen. Ab und zu richten sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf, stemmen einen Flügel in den Rücken und stöhnen. Diesen Moment nutzt die Oberstockschnepfe und zwitschert einen Gruß hinüber in die Kleingartenanlage. Die Trutschen tun so, als hätten sie den Gruß nicht gehört. Als die Gruppe außer Hörweite ist, pfeift die eine der anderen Trutsche über den Zaun hinweg zu:. „Die werden auch immer fetter!“. Klick- klick -klick stoßen die Stöcker auf den Boden. Die Schnepfen sind schon etwas müde. Einige murren, weil die Wegführung ohne eine vorherige Diskussion in der Schnepfengruppe geändert wurde. Der Weg windet sich in einer Kurve, tief unten leuchtet das Meer.

In der Ferne werden drei Gestalten sichtbar, die sich beim näheren Hinschauen als Joggingspechte entpuppen. Sturen Schrittes, die Köpfe hochrot und nach unten gerichtet, marschieren die Stockschnepfen. Sie nehmen die ganze Breite des Weges ein und auch als die Spechte nur noch zehn Meter entfernt sind, machen sie keinen Platz. Nur mit einem Sprung ins Gebüsch kann sich einer der Spechte vor einem ausholenden Stock retten. „Blöde Schnepfe!“, tönt es aus dem Gebüsch. Unbeirrt marschieren die Stockschnepfen weiter. Das Ziel ist in Sicht!

Angekommen und nach einem kurzen Snack bei einem Beifuß-Kümmel-Artischocken-Tee beschließen sie, den Angriff der Joggingspechte auf ihre Schnepfenpersönlichkeit erst in der nächsten Schnepfenzusammenkunft zu diskutieren. Sie sind zu flügellahm, als dass sie das jetzt noch schaffen würden.

Immer noch aktuell, diese kleine Geschichte! Wobei nunmehr die Generationen + und ++ in der Überzahl sind. Als wir am Startpunkt zurück waren, sehe ich auf dem Display: 7,9 km/423 kcal verbraucht!

Gut gemacht😉

Äusserlichkeiten

Als ich heute am Strand unterwegs war, dabei die Vorboten des Herbstes spürte, sah ich, dass in einem abgesperrten Bereich Fotoaufnahmen gemacht wurden. Ich musste lächeln und erinnerte mich an eine Begegnung, die meine Einstellung zu Äusserlichkeiten veränderte.

Eine „Äusserlichbeurteilende“ (gibt es das Wort überhaupt?) war ich während meiner Verkaufstätigkeit tatsächlich. Bis eines Tages dieser Bauer unser Geschäft betrat.

Es war zehn vor sechs, Herbst, schon leicht dunkel, ich auf Feierabend eingestellt, inzwischen unmotiviert und dann kam er: ein grosser, stattlicher Mann, Gummistiefel, strenger Geruch, Stroh an der Jacke, schmalztriefende Mütze, mürrisch.

Eine Jacke wollte er. Ich gab ihm eine, er probierte, sie passte. Ohne ein Wort legte er sie auf den Tisch. Fragte recht unfreundlich, ob das alles sei, was ich anzubieten habe.

Mein Adrenalinspiegel stieg! Nein, nicht alles. Legte drei andere dazu und er probierte alle an. Ohne Worte. Sie passten alle.

Zum Schluss lagen alle Jacken auf dem Tisch, es fiel kein Wort und ich begann, sie wegzuräumen. Der würde sowieso nichts kaufen, war mein Gedanke. So wie ich ihn wahrnahm und gedanklich einschätzte, konnte wohl in meinem Gesicht abgelesen werden. Denn er sprach plötzlich:

„Warum räumen Sie alle Jacken weg? Wollen Sie nichts verkaufen?“ Ich erschrak.

Er stand am Tisch, zeigte auf zwei Jacken und ich hörte, wie er, fast nebenbei,sagte:

„Diese zwei Jacken nehme ich!“

Eine davon war eine Lammfelljacke.

Eine gute Lektion!

Ich beurteile seit dieser Begegnung keinen mehr nach Äußerlichkeiten.

Zumindest meistens …

Wie sieht es damit bei euch aus?

Jahrestage

Erreiche ich eine bestimmte Jahreszahl, egal ob bei Geburts-, Hochzeitstagen oder Betriebszugehörigkeit, so soll das besonders gefeiert oder begangen werden. Bei Hochzeitstagen vielleicht nicht unbedingt der 37igste, aber drei Jahre danach wäre es ein Anlass.

Wir waren noch nie für grosse Feiern. Schon der Gedanke daran lässt meinen Stresspegel enorm steigen.

Ich hatte deshalb eine Idee, die ich aber ohne Hilfe nicht umsetzen konnte:

Konzert in der Elbphliharmonie und Fahrradtour durch Hamburg!

Karten für die ElPhi bekam ich von einem Reisefreund, mit dem wir gemeinsam in Japan waren. Da er in der Nähe der Elbchaussee ein Haus besitzt, schon immer in HH wohnt, unternahmen wir mit ihm gemeinsam die Radtour und bekamen so Insiderwissen über Strassen, Gebäude und Bewohner.

Das Wetter meint es an diesem Tag Ende September gut mit uns, morgens Sonne satt, wenn auch kühle 9 Grad, die sich im Laufe des Tages auf 15 Grad erhöhen.

Start ist in Blankenese und es geht immer an der Elbe entlang, vorbei an den vielen Villen, die hoch über dem Elbufer liegen.

Dirk, unser Begleiter, weist auf eine von Bäumen halbverdeckte Villa und sagt, diese gehört Karl Lagerfeld. Ich horche auf. Lagerfeld?

Es brennt Licht. Soll ich klingeln? Nein, doch kein Licht, die Sonne wird von den Scheiben reflektiert. Schade! Also weiter.

An der Elbe herrscht Ebbe, immer wieder fahren wir an aufgeschütteten Sandstränden vorbei. Ganz vereinzelt riesige Containerschiffe, deren Anzahl sich bei Flut erhöhen wird. Durch die Elbvertiefung wird mehr Salzwasser aus der Nordsee in die Elbe gedrückt und die Zusammensetzung des Wassers ändert sich, was sich auf den Fischbestand auswirkt.

Wir erreichen Wittenbergen und fahren zurück bis zur Fährstelle Teufelsbrück.

Mit der Fähre geht es nach Finkenwerder, Umstieg auf die nächste Fähre nach Landungsbrücken. Die Fahrt geht entlang der Elbchaussee und wir bewundern die vielen Villen und Neubauten, hören Dirks Geschichten über die vergangenen und jetzigen Bewohner der Villen. Vorbei am Fischmarkt mit der Auktionshalle gelangen wir zur Haltestelle Landungsbrücken. Eine dritte Fähre bringt uns direkt zur Elbphilharmonie. Mit dem Fahrrad umkreisen wir die ElPhi, wo wir am Abend ein Konzert hören werden, und fahren weiter ins portugiesische Viertel. Laut Dirk soll es hier interessante Lokale mit schmackhafter Küche geben. Stimmt!

Die Männer entscheiden sich für gegrillte Sardinen, ich mich für den Teller mit gegrillten Fleischstücken. Hervorragendes Essen und ein süffiger Vinho Verde runden das Essen ab.

Es ist später Nachmittag und wir radeln zurück nach Klein Flottbek, erst durch die Stadt, um dann auf den Weg an der Elbe entlang abzubiegen.

Am Abend nochmals die ‚Fährtour‘ zur ElPhi, wo ein sehr schönes Konzert auf uns wartet. Vorher inspizieren wir die Räume, Treppen und den Musiksaal und sind schwer beeindruckt. Die Akkustik ist fantastisch. Zurück geht es mit S- und U-Bahn, die im Gegensatz zu unseren „Dorf“-Bahnen in kurzen Abständen fahren.

Morgen noch ein Besuch in den Deichtorhallen zur Fotoausstellung „Street-Photography“ und dann Fahrt zurück nach Rostock.

Ein Tag, wie wir ihn uns gewünscht haben, sozusagen ein Geschenk von uns an uns.

Wie verlaufen denn eure Jahrestage?